Turbulente ZWS April 2016

Dies könnte der Grundtenor der letzten Frühjahrszuchtwertschätzung sein, wobei sie sehr stark von der Methodik beeinflusst wurde. Nennen möchten wir an dieser Stelle:

  • die Umstellung von der Bullen- auf die Kuh-Basis für alle Merkmale
  • die Anpassung der Methodik der genomischen Zuchtwertschätzung
  • die jährliche Basisanpassung auch für Milchleistungs-Einzelmerkmale

Die Folge ist eine Summe von sich gegenseitig beeinflussenden Effekten, sodass der „Verursacher“ im Einzelfall für uns sehr schwer zu identifizieren ist. Aus unserer Sicht sind insbesondere die Zuchtwerte für Fundament, Nutzungsdauer, Zellzahl und Fruchtbarkeit erheblich betroffen. Beim Detailstudium anderer Merkmale wurden wir an mancher Stelle an die alte Züchterweisheit „Hüte Dich vor Extremen“ erinnert. Im Moment halten wir es für wichtig sich mit der neuen Methodik zu beschäftigen und möchten einige Fakten als Basiswissen für mögliche Diskussionen benennen. Tatsache ist, die Einführung der genomischen Selektion (2010) führte nunmehr auch zu Veränderungen in der Zuchtwertschätzungsmethodik. Die stark vorselektierten Vererber würden nach dem alten Modell sukzessive die Basisjahrgänge für sehr hohe Zuchtwertabschreibungen bilden und die Veränderungen in der Kuhpopulation nicht korrekt abbilden. Aus diesem Grund erfolgte eine Umstellung von der Bullen- auf die Kuh-Basis.

 

Das vit Verden kommentiert:

„Die neue Kuhbasis für alle Merkmale und Rassen sind daher Kühe geboren 2010-2012. Diese repräsentieren die aktuell lebende und anzupaarende Kuh-Population und gleichzeitig in ihrem Alter das der bisherigen Töchter der Testbullen in der Basis.

Die neue Kuhbasis wird - wie bisher die Bullenbasis – jedes Jahr um einen Geburtsjahrgang aktualisiert (z.B. also im nächsten Jahr auf Kühe geb. 2011-2013)

Im Zuge der Neuerungen wird auch die Basis der Milchleistungs-Einzelmerkmale ab sofort - wie bei allen anderen Merkmalen – jährlich angepasst, statt bisher nur alle 5 Jahre. Die Milchleistungs-Einzelmerkmale standen schon bisher auf einer Kuh-Basis. Die neue Kuh-Basis ist auch hier Kühe geb. 2010-2012 (bisher: nur Kühe geb. 2010).

Beim Vergleich der Relativ-Zuchtwerte Bullenbasis-2015 (bisher) zur Kuhbasis-2016 (neu) zeigen sich dagegen immer zwei Effekte gleichzeitig:

  • Die üblichen Veränderungen durch den Zuchtfortschritt für ein Jahr
  • Die einmaligen Auswirkungen der Umstellung von Bullen- auf Kuh-Basis.“

 

Diese beiden Effekte können sich (teilweise) ausgleichen, oder verstärken. Die Summe der Auswirkungen (ZW-Veränderungen) zeigt die folgende Tabelle:

 

RZM

RZS

RZE

RZN

RZR

RZKm

RZG

Holstein SBT

+2,0

-2,3

+1,6

-3,3

-4,0

-1,1

-0,8

Holstein RBT

+3,0

-2,5

+1,1

-5,1

-7,2

-1,3

-1,1

 

M-Typ

Körper

Fund.

Euter

RZD

KVd

TGd

Holstein SBT

+3,7

+3,0

-1,8

+1,5

+1,7

-0,6

-0,1

Holstein RBT

+6,1

+1,5

-3,3

+2,0

+1,8

-2,3

-1,7

Positive Werte = neue Basis ist niedriger als bisher und Relativzuchtwert beim Einzeltier steigt

„RZM/RZE auf der einen Seite sowie RZS/RZN/RZR auf der anderen Seite zeigen bei Holstein unterschiedliche Auswirkungen. Die Basis-Kühe sind im RZM und RZE weniger stark selektiert als die entsprechende Bullenbasis, d.h. die neue Basis liegt niedriger als bisher und die Zuchtwerte steigen trotz des jährlichen Zuchtfortschrittes leicht. Für die funktionalen Merkmale sind die schwarzbunten und rotbunten Basis-Kühe dagegen besser als die Testbullen-Basis-Jahrgänge, d.h. die neue Basis liegt höher. Die Zuchtwerte für die funktionalen Merkmale werden daher diesmal etwas stärker ‚abgeschrieben‘ als nur auf Basis des üblichen Zuchtfortschrittes.

Insgesamt liegt die ‚Messlatte‘ durch die Kuh-Basis im Vergleich zur Bullenbasis bei SBT und RBT für Milchleistung und Exterieur also niedriger, und für die funktionalen Merkmale höher. In der Summe ergibt sich für den RZG aufgrund der höheren Gewichtung von RZM und RZE gegenüber den funktionalen Merkmalen eine ZW-Abschreibung von ca. -1 Punkt RZG, also etwas weniger als die üblichen ca. 2 Punkte aufgrund des Zuchtfortschrittes“

 

Genomische Zuchtwertschätzung

Die genomische Zuchtwertschätzung erfolgte seit der Einführung in 2010 nahezu unverändert. Die zur April-Veröffentlichung 2016 eingeführten Anpassungen erfolgen mit dem Ziel die Sicherheit der Zuchtwerte zu erhöhen. Hiervon sind insbesondere die niedrig erblichen funktionalen Merkmale betroffen, wie die folgende Tabelle für die Holstein SBT zeigt.

Tab.: Höhere gZW-Sicherheit (12.859 aktuelle männlichen SBT-Kandidaten geb. 2015/2016)

 

Sicherheit % bisher

Sicherheit % neu

∆ bisher / neu

gRZM

70,9

70,9

±0

gRZS

75,0

75,0

±0

gRZE

50,3

56,8

+6,5

gRZN

45,9

57,1

+11,3

gRZR

36,2

49,4

+13,2

gRZKm

50,1

56,8

+6,7

gRZG

61,9

65,1

+3,2


Im eigentlichen Schätzmodell für die SNP-Effekte wurden merkmalsspezifisch Anpassungen vorgenommen. In der Folge bedeutet dies erhebliche Änderungen bei den gZW. vit Verden kommentiert „Der Großteil der beobachteten Rangfolge-Änderungen der Bullen beruht daher auf dieser Modelländerung“.

In welchem Umfang die Gesamtheit der Genomic’s hiervon betroffen ist, vermögen wir nicht zu sagen. Die Betrachtung der durchschnittlichen Auswirkungen ist für uns wenig aussagekräftig. Die Resultate für die ALL-Logo Bullen haben wir für Sie gelistet, um die Aussagen konkret darzustellen sowie unserer Verunsicherung deutlichen Ausdruck zu verleihen.

Bulle

RZG

RZM

RZE

Funda.

Euter

RZS

RZN

RZR

BOLARO

-6

-2

-1

-7

+1

-3

-3

-7

BUSHMAN

-8

-1

-4

-10

-1

-6

-4

-8

CHARDON

-5

+2

±0

-6

+1

-2

-8

-7

CITIZEN

-11

-5

-3

-9

-2

-3

-6

-4

ERALDO PP

-6

-1

-2

-7

-1

-5

-4

-4

FAGENO

-6

+1

-1

-8

+1

-5

-4

-10

MAJESTO

-6

-2

±0

-10

+3

-5

-4

-8

TARGET

-3

+5

-2

-10

+2

-2

-6

-10

TEMPICO

-5

-1

±0

-2

±0

-3

-4

-5

TRAMINER

-4

+2

-4

-12

±0

-3

-5

-5



Ein wichtiges Problem, dass gelöst werden musste ist eine fehlende Generation in der Lernstichprobe, denn das verkürzte Generationsintervall führt dazu, dass fast alle jungen Kandidaten von nur genomisch geprüften Vätern abstammen, die noch nicht Bestandteil der Lernstichprobe sein können. „Die an der Lernstichprobe geschätzten SNP-Effekte sind daher differenziert, d.h. vorsichtiger auf Kandidaten der 2. Generation anzuwenden. Im gRZG kumulieren sich die Effekte und das Niveau aller schwarzbunten genomischen Vererber liegt jetzt ca. 4 Punkte gRZG niedriger. Ganz oben in der Topliste ist der Effekt noch etwas größer und der gRZG wird um 5-6 Punkte vorsichtiger eingeschätzt.“

Für Informationen zu den einzelnen Bullen verweisen wir auf unsere aktuelle Zuchtwertabweichungsanalyse. Im Laufe des Jahres soll ein komplett neues Modell für die konventionelle ZWS der Nutzungsdauer eingeführt werden, unser ureigenstes Thema. Es bleibt also spannend für die ALL und alle an der Zucht auf Lebensleistung Interessierten!




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